Theorie trifft Praxis

Fünf Wochen nach Beginn der Bauarbeiten ist es an der Zeit, ein erstes kleines Zwischenfazit zu ziehen. Grundsätzlich läuft alles recht glatt und vor Allem äußerst zügig. Der Teufel liegt wie so oft im Detail. Dazu kommt die immer wieder spannende Konstellation zwischen studiertem Ingenieur und erfahrenem Praktikus oder anders ausgedrückt – wenn die künstlerische Ader auf die Realität aus Stahl, Beton und Ziegel trifft. Viele Fragen treten ad hoc auf und müssen möglichst schnell gelöst werden. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mehr oder weniger wichtige Entscheidungen getrtoffen werden müssen.

Bewehrung der Erdgeschoss-DeckeAls ich am Freitag vor einer Woche mein iPhone morgens gegen halb acht in Betrieb nahm, durfte ich mir auf noch fast nüchternen Magen einen sehr aufgerbachten Leiter der Baufirma auf meiner Mailbox anhören: wenn nicht innerhalb einer Stunde die finale Spezifikation der Decke im Fertigteilwerk für die Filigrandecken vorläge würde er seine Arbeiter von der Baustelle abziehen. Er könne so nicht arbeiten… Au weia! Da war sie wieder einmal gefragt, meine Rolle als Vermittler zwischen Architekt und Polier, zwischen eher introvertiertem Gestalter und tendenziell extrovertiertem Praktiker, zwischen künstlerischer Ruhe und time is money… nicht das erste Mal, aber so gekracht hatte es bis dato noch nicht.

Weil die Grundrisspläne einen Querschnitt durch das Gebäude in etwa einem Meter Höhe darstellen, war das Fenster des Gäste-WCs im Erdgeschoss nicht eingezeichnet. In den Ansichtsplänen natürlich schon, diese hatten aber offensichtlich weder die Statikerin noch der Polier angeschaut, weshalb eine Wand komplett bis zur Decke gemauert wurde. Dass zwei Ziegelreihen wieder abgetragen werden mussten war nicht das Problem, sondern die Tatsache, dass damit die komplette Statik für die Erdgeschoss-Decke nicht mehr stimmte und neu berechnet werden musste. Zusätzlich hatte ich die Glasbrücke zwischen Luftraum und Treppenauge aus Kostengründen gestrichen. Ausserdem hatten wir zwischenzeitlich ein Treffen mit dem Treppenbauer bei dem herauskam, dass das Treppenauge etwas breite ausfallen muss, da ansonsten Treppengeländer und Brüstungsgeländer keinen Platz haben (für die Kellerdecke war es zu diesem Zeitpunkt schon zu spät…). Weiterhin fehlten in den Plänen noch die korrekt vermassten Auslässe für die geplanten Einbauspots, der Elektriker war nicht erreichbar, weil er sich – wie sich später herausstellte – einen Arm gebrochen hatte und im Krankenhaus operiert werden musste…

Damit hatten wir den «Slot» im Fertigteilwerk verpasst und die Beton-Elemente wären nicht mehr rechtzeitig gegossen worden und getrocknet. Der Leiter der Baufirma beschloss daraufhin die Decke konventionell zu schalen und komplett in Ortbeton zu gießen. Die Mehrarbeit wird (angeblich) dadurch kompensiert, dass viel weniger Stahl benötigt wird… Trotz der Riesenaufregung haben sich mittlerweile alle wieder lieb und es ging auch ohne Unterbrechung weiter. Öfter brauche ich solche Tage aber nicht!

Neben solch aufregenden Tagen gibt es aber auch positives zu vermelden. So hatten wir vor genau einer Woche den 1. Zwischenbericht zur qualitätssichernden
Baubegleitung erhalten, der ausgesprochen erfreulich ausgefallen ist. Das Fazit lautet «Die bisher ausgeführten Bauleistungen lassen eine sorgfältige und hochwertige Bauausführung erkennen.» Na also! Damit haben wir eine unabhängige Bestätigung unseres Eindrucks.

Es gäbe noch die ein oder andere Anekdote, aber das gehört wohl genauso dazu wie die Tatsache, dass in unseren Plänen zwar viele Maße zu finden sind, aber nie die, die die Maurer brauchen 🙂 Ende nächster Woche sollen die Rohbauarbeiten abgeschlossen sein, und wir haben immernoch keinen Zimmerer, der uns einen Dachstuhl auf’s Haus setzt. Langsam wird’s eng, aber ich hoffe mal schwer, dass wir auch diese Kuh irgendwie in einer Last-Minute Aktion vom Eis bekommen…

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